Wer redet hier eigentlich?

Das postmigrantische Theater oder: Wie sich ein Bewusstseinswandel auf Deutschlands Bühnen vollzieht.

Von Anna Landefeld-Haamann

Von Anna Landefeld-Haamann

Anna Landefeld-Haamann

War ein komisches Kind mit Vorliebe für Beethoven, Kafka und Neo Rauch. Sie fühlt sich nicht mehr ganz so komisch, seit sie im Ergänzungsstudiengang Kulturkritik auf Gleichgesinnte gestoßen ist. Schreibt neben der Cult unter anderem auch für die Süddeutsche Zeitung.

Mit dem „postmigrantischen Theater“ vollzieht sich ein Bewusstseinswandel in der deutschen Bühnenlandschaft. Das gut gemeinte Flüchtlingstheater wird als Klischee-Reproduzent dekonstruiert und an seine Stelle tritt eine echte Exil-Kunst. Ein Beispiel ist Ayham Majid Aghas „Skelett eines Elefanten in der Wüste“, das zum Festival radikal jung am Münchner Volkstheater eingeladen ist.

Es begann im Herbst: An jenen drei Tagen im September 2015 saßen tausende Menschen am Bahnhof in Budapest fest und beschlossen, dies nicht mehr hinzunehmen. Sie machten sich auf, zu Fuß über die Autobahnen – bis Bundeskanzlerin Angela Merkel in der Nacht auf den 5. September entschied, die Menschen mit Zügen nach Deutschland kommen zu lassen. Bald waren es bis zu 13 000 am Tag, bis zum Jahresende eine knappe Million. Historisch und zugleich umstritten war diese Entscheidung. Sie demaskierte eine Gesellschaft und spaltet sie bis heute.

Neben den unzähligen ehrenamtlichen Helfer*innen war es besonders eine Gruppe, die am schnellsten und geschlossenen reagierte: die der Theaterleute. Noch im selben September waren sie da, die Cafés, Podiumsgespräche, Benefizveranstaltungen, Schreib- und Schauspielworkshops sowie Kunst-Projekte mit Geflüchteten. Rund 60 Theater engagierten sich, dokumentierte damals die Website „Nachtkritik“. „Als geradezu inflationär“ bezeichnete das die Kulturjournalistin Dorothea Marcus im Deutschlandfunk. Marcus urteilte weiter sogar noch schärfer: Die Flucht- und Kriegsgeschichten, die auf deutschen Bühnen immer und immer wieder erzählt wurden, seien nicht mehr als ein einseitiger Dialog mit ausbeuterischem Beigeschmack gewesen.

Blickt man zurück, unterlief das selbst Inszenierungen wie Nicolas Stemanns „Die Schutzbefohlenen“ nach einem Text von Elfriede Jelinek, mit der 2015 das Berliner Theatertreffen eröffnete. Zwar stellte Stemann Europas Umgang mit Geflüchteten in Frage und stellte solche als Anklagechor auch auf seine Bühne – aber als weißer, deutscher Regisseur konnte er gar nicht anders als scheitern. Denn: Wer redete hier eigentlich von wem?

Shermin Langhoff ist eine Theatermacherin, die sich vehement dagegen stellt, Menschen aufgrund ihres sogenannten Migrationshintergrundes für Sensationsgier und Klischee-Widerkäuung zu benutzen. Ihr unermüdlicher Antrieb: Aufbegehren gegen das deutsche Durchschnittstheater, das sie einmal in der „Zeit“ als „letzte weiße Bastion“ beschrieb. Shermin Langhoff, seit 2008 Chefin des Ballhauses in Kreuzberg, seit 2012  Intendantin des Maxim-Gorki-Theaters, verweist immer wieder  auf das „postmigrantische Theater“ und versucht, sich zu dem Begriff mit ihrer Arbeit zu positionieren. Migration, Integration – im Grunde genommen seien das nichts weiter als politische Kampfbegriffe. Begriffshülsen, die sich momentan mehr denn je an rechtsextreme und populistische Losungen anpassen, an alte, einfache Narrative von Nation und Religion, die schon seit Längerem nicht mehr gesellschaftlichen Realitäten entsprechen und vielleicht noch nie entsprochen haben. All das schloss der Aufruf zum Herbstsalon im vergangenen November im Gorki ein: „Desintegriert euch!“, was oberflächlich nicht gerade verbindend klang, sagte aber eigentlich nichts anderes aus als: Befreit euch davon, immer nur als „die Anderen“ wahrgenommen zu werden. Das postmigrantische Theater bricht mit diesem zementierten Zustand. Es erzählt die Geschichten all derjenigen, die keine deutschen Vorfahren haben sowie derjenigen, die zwar hier geboren wurden, aber doch nicht dazu gehören. Am Ende ist Schubladendenken nichts anderes als Machtausübung.

„Sie haben mich zu einem Flüchtling gemacht“, erzählt Ayham Majid Agha in einem Porträt, das Juliane Löffler über sie in der Zeitung „Freitag“ veröffentlicht hat. Sie, das war die deutsche Ausländerbehörde, die gegen den Willen des syrischen Schauspielers Asyl für ihn beantragte. Majid Agha war für ein Gastspiel nach Deutschland gereist, da lebte er schon seit 2013 im Libanon. Als die Visa-Gesetze sich dort verkomplizierten und Majid Agha nicht sofort zurückkehren konnte, lief sein Visum aus. Er wollte eines für Deutschland beantragen, doch das ging nicht. Weil er Syrer sei, lautete die Begründung der Behörde. In Damaskus war er bis 2012 Junior-Professor an der Hochschule für Darstellende Künste gewesen, hatte interaktive Theaterprojekte in syrischen Dörfern aufgeführt. Wenn Majid Agha könnte, wäre er der erste, der dorthin zurückginge. Seit Ende 2016 ist er künstlerischer Leiter des Exil-Ensembles am Maxim-Gorki-Theater. Die Gruppe besteht aus sieben Schauspielern. Sie kommen aus Syrien, Palästina und Afghanistan und sind ausgebildete Künstler. Ayham Majid Agha brachte dort im Studio Я sein erstes Regiestück „Skelett eines Elefanten in der Wüste“ auf die Bühne und gastiert damit nun bei radikal jung.

Shermin Langhoff und das Maxim-Gorki-Theater sind nicht die einzigen, die geflüchteten Künstlern eine Plattform bieten. Daneben gibt es unter anderem das „Neue Heimat"-Projekt am Theater Oberhausen, das Open-Border-Ensemble an den Münchner Kammerspielen oder das arabische Künstlerkollektiv „Collective Ma'louba“ am Theater an der Ruhr. Es ist, als ob sich innerhalb von nur zwei Jahren ein Bewusstseinswandel in Deutschlands Theaterlandschaft vollzogen hat und hoffentlich auch weiterhin vollziehen wird.

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