Wenn Wahrheit peinlich wird

Sieben Stunden Beichtstuhl: Der israelische Künstler Jason Danino Holt verknüpft in seiner Performance „Not letting it in“ Kunst und Glaube. Damit wird er nun beim Festival Radikal jung am Münchner Volkstheater gastieren.

Von Carolin Werthmann

Von Carolin Werthmann

Carolin Werthmann

Mit der Haarbürste als Mikro sang und tanzte ich mit acht vor dem Spiegel zu Disney’s Tarzan oder Pocahontas. Heute sehe und höre ich lieber anderen dabei zu, wie sie singen, tanzen oder Geschichten erzählen – und schreibe darüber. Ob diese Geschichten nun auf Bühnen, hinter Buchdeckeln oder auf der Leinwand warten: in allen Fällen machen sie etwas mit mir, berühren mich immer, belustigen mich oft, ärgern mich manchmal. Diese Gefühle möchte ich vermitteln, möchte zu einem Diskurs beitragen. Ein Diskurs initiiert von Kultur.

Ein Bonmot des Schriftstellers Oscar Wilde trifft den wunden Punkt,  der das Konzept bestimmt für die mit Abstand längste Performance des Festivals Radikal jung am Münchner Volkstheater:  „Für mich gehört der Zwang, die Wahrheit zu sagen, zu den peinlichsten Dingen. Ich befinde mich zum ersten Mal in meinem Leben in der prekären Lage. Ich finde mich darin kaum zurecht, die ganze Sache ist mir so neu.“ Wahrheit zu verbalisieren ist wie schützende Kleidung zu verlieren. Sich zu entblößen. Intimes zu offenbaren, Informationen zu teilen, die zuvor aus gutem Grund verborgen gehalten wurden. Höchstens die besten Freunde oder Partner sind in Geheimnisse eingeweiht. Doch selbst sie wissen oft nicht alles. Manchmal scheint es besser, die Wahrheit zu vertuschen. Dann, wenn ihre Offenbarung unangenehme Folgen verspricht. Mann betrügt Frau oder Frau betrügt Mann, doch niemand plaudert das Geheimnis aus. Zu groß die Angst vor den Konsequenzen. Früher oder später aber wird die Verschleierung von Wahrheit zur Last. Die verborgene Wahrheit ist Lüge mit Gewissheit. Doch das Gewissen plagt. Die Gedanken kreisen.

Hier kommt Jason Danino Holt ins Spiel. Für die Performance „Not letting it in“ setzt er sich zusammen mit den  Schauspielern an einen Tisch, die Zuschauer dicht im Rücken. Und jetzt wird gebeichtet. Sieben Stunden lang. „Ich hatte noch nie Sex mit einer Frau.“ –  „Ich hasse meine Großmutter.“ –  „Ich betrüge meinen Partner und wurde noch nie erwischt.“ Es ist ein geschützter Rahmen, den Holt schafft. Nichts verlässt den Raum, niemand urteilt, kommentiert oder diskutiert über das, was gesagt wird. Egal, wie emotional oder intensiv die Dinge sein mögen. So zumindest die Regel. „You’re letting it in“, sagt Holt. „Or not. That’s the whole thing, and you move on.“ Du lässt dich drauf ein. Oder eben nicht. So das Konzept. Konzept ist auch, Schauspieler sich selbst spielen zu lassen. Aus den Konventionen des Theaters auszubrechen. Sie spielen keine Rollen. In der Performance prallen ihre eigenen Biografien und Erfahrungen aufeinander. Alles, was sie haben, sind Notizen, entstanden während der Proben. Geständnisse, niedergeschrieben auf Papier, die sie jedoch frei improvisieren. Was bedeutet der Anspruch an Wahrheit, wenn Schauspieler involviert sind?

Die Frage nach der Wahrheit ist es, die Jason Danino Holt zu seiner Performance brachte. „Diese Erfahrung ist das Gegenteil von dem, was wir in der Welt da draußen erleben“, sagt er. „Die Menschen erzählen dir nicht wirklich ihre wahren Gedanken und Gefühle. Es ist eine große Erleichterung zu erfahren, was wirklich los ist. Und das Konzept schützt dich, denn die Devise lautet ja: Egal was du sagst, es ist in Ordnung.“ Die Beichte also als Befreiung von Bürde und Sünde, ohne Wertung. Die Zuschauer, die kommen und gehen können, wann es ihnen beliebt, sollen sich von diesem befreienden Gefühl anstecken lassen. Es entstehe eine Art Sucht nach Geständnis, verspricht Holt.

Das Szenario, das Holt mit seinem Beichtstuhl kreiert, ist die Konfrontation mit dem Unangenehmen. Es ist schlichtweg peinlich, Intimes zu verraten. Es ist nicht nur unangenehm, sich selbst seine Fehler und Missstände einzugestehen, vor allem ist es unangenehm, sie öffentlich zu machen. Doch wenn Holts Worte wahr sind, ist von dem Abend eine Katharsis zu erwarten, die wiederum nah dran ist an klassischem Theater in seiner aristotelischen Urform. Postdramatisches Jammern und Schaudern und am Ende die Läuterung der Seele und die Befreiung von inneren Konflikten.

Zu sehen am Münchner Volkstheater am Donnerstag, 19. April, 17 Uhr.

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