Wenn wir Kinder bekämen ...

Ein Stream of Consciousness im Futur als Vorgeschmack auf die Inszenierung „Children of Tomorrow“ von Corinne Maier und Tina Müller, die beim Festival Radikal jung am Münchner Volkstheater zu sehen ist. Die Textfragmente sind inspiriert vom Stück, ihm aber nicht wortgetreu entnommen. Sie spiegeln den Diskurs, den Corinne Maier und Tina Müller auf die Bühne bringen, in einer eigenen Form wider.

Von Carolin Werthmann

Von Carolin Werthmann

Carolin Werthmann

Mit der Haarbürste als Mikro sang und tanzte ich mit acht vor dem Spiegel zu Disney’s Tarzan oder Pocahontas. Heute sehe und höre ich lieber anderen dabei zu, wie sie singen, tanzen oder Geschichten erzählen – und schreibe darüber. Ob diese Geschichten nun auf Bühnen, hinter Buchdeckeln oder auf der Leinwand warten: in allen Fällen machen sie etwas mit mir, berühren mich immer, belustigen mich oft, ärgern mich manchmal. Diese Gefühle möchte ich vermitteln, möchte zu einem Diskurs beitragen. Ein Diskurs initiiert von Kultur.

Frau #1

Kinder kriegen und full-time arbeiten wie der Mann es jahrelang tat. Das will ich, denn ich bin eine selbstbestimmte, moderne Frau. Ich lasse mich nicht in meiner Freiheit reduzieren. Meine Aufmerksamkeit gilt nicht nur den Windeln und dem Stillen. Wenn ich schwanger werde und ein Kind bekomme, möchte ich weiter den Job machen, den ich vor der Geburt machte. (Ich sage WENN und nicht OBWOHL, denn ich finde nicht, dass es sich hier um zwei unvereinbare Bedingungen handelt). Mein Körper wird sich durch die Geburt deformiert haben. Ich möchte weiterhin zum Sport gehen können. Ja, Helikopter-Mütter werden mich missbilligend beäugen, wenn ich verschwitzt durch die Kindergartentür stürze und Marc-Daniel gerade noch rechtzeitig zum Ausflug in den Zoo bringen werde. Nein, sein Pausenbrot wird kein dreilagiges Sandwich mit Avocado, Gurken und Kresse sein. Früher gab’s auch nur Wurststullen. Mein Mann wird in Elternzeit sein und Marc-Daniel von der Kita abholen können, denn ich werde oft sehr spät aus dem Büro kommen, wohl erst um 7. Entschuldige, diese Meetings, werde ich sagen und mich zu Hause an den gedeckten Tisch setzen. Ich werde dankbar sein, einen so verständnisvollen, selbstlosen Mann zu haben, der seine Freiheit für Marc-Daniel und mich einschränken lassen wird. Ja, mein Mann wird kochen. Ich werde Marc-Daniel vorlesen, ins Bett bringen und Quality-Time zelebrieren.

Mann #1

Ich werde mein Kind lieben und eine nie dagewesene Fürsorgepflicht empfinden. Ich werde jede Sekunde Nähe genießen und mich über die Chance freuen, so intensiv an der Entwicklung meines Kindes teilzuhaben. Ich werde da sein, wenn das Kind Papa schreit. Ich werde da sein, wenn es laufen lernt. Ich werde da sein, wenn es zahnt. Ich werde nachts aufstehen, wenn es weint. Meine Frau braucht den Schlaf, denn sie wird früh arbeiten gehen und das Geld verdienen, während ich hauptsächlich für das Kind da sein werde. Sicher, ich werde mich unverhohlen geknechtet fühlen von der erbarmungslosen Notwendigkeit der Fürsorge. Sicher, auch die Fragen, warum es meine Frau ist, die arbeiten geht und nicht ich, werden mich umtreiben. Sicher, es wird der Moment kommen, da werde ich mich – müde von den schlaflosen Nächten, gereizt vom Geschrei des Babys, genervt vom Gelaber der Vorbilds-Väter auf Spielplätzen – danach sehnen, tagsüber weit weg vom Haus zu sein, in dem ich lebe. Über anderes sprechen zu können als über Entwicklungsstadien des Kindes. Aber die Liebe zu meinem Kind und das Verständnis für meine Frau nach jahrelang etabliertem geschlechtsbedingtem Rollenmuster werden mich den Zweck und die Vorteile der Lage klar erkennen und akzeptieren lassen.

Frau #2

Warum ist die Rede von Arbeit, wenn es darum geht, sich selbst zu verwirklichen? Ich sehe einen Teil meiner Selbstverwirklichung darin, ein Kind zu bekommen. Und wenn ich ein Kind bekomme, weiß ich, dass ich selbst nicht mehr die wichtigste Person sein werde. Für mich ist dieses Kind ein Wunder, deshalb werde ich mich in meiner Freiheit ohne Reue einschränken können. Es wird in Ordnung für mich sein, wenn mein Partner weiter arbeiten geht und ich zu Hause bleibe und mich um das Kind kümmere. Mein Mann verdient einfach besser als ich es je tat. Auf sein Gehalt zu verzichten, wäre nicht sinnvoll. Ich weiß, dass ich seltener abends ins Kino werde gehen können. Ich bin mir bewusst, dass viele Abende auf der Wohnzimmercouch stattfinden werden und Wochenendausflüge babykonform gestaltet sein müssen. Unsere Eltern wohnen zu weit weg, als dass sie gelegentlich auf das Kind werden aufpassen können. Die Fürsorge wird also meine primäre Aufgabe sein. Ich bin mir sicher, dass das Kind in seinen frühesten Jahren von der Nähe zur Mutter profitieren wird.

Mann #2

Wenn wir ein Kind bekämen, wäre es möglich, Elternzeit zu nehmen, ja. Nur meine leitende Stelle im Job kann ich dann erst mal vergessen. Konservative Arbeitgeber wie meinen interessiert es nicht, ob ich Vater werde oder nicht. Meine Arbeitskraft zählt, und wenn die wegfällt, wird sie eben ersetzt. Ein ganzes Gehalt wird wegfallen! Dass ich derjenige sein werde, der arbeiten geht, heißt ja nicht, dass ich mich um nichts sorgen müsste. Ich stelle es mir anstrengend vor, acht Stunden oder länger zu arbeiten und dann heimzukommen und mir womöglich Vorwürfe machen lassen zu müssen, warum ich schon wieder so spät dran sei, meine Frau viel zu wenig unterstütze, mir einen schönen Lenz mit meiner autonomen Lebensführung mache, während Frau zu Hause das Baby an der Backe hat. Wenn uns all diese Sorgen und Grübeleien jetzt schon plagen – warum überhaupt Kinder kriegen?

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