Münchner Theater-Kindl

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Eine Inszenierung von „Tropfen auf heiße Steine“ aus Berlin ist zum Festival Radikal jung eingeladen und bringt so Rainer Werner Fassbinder einmal wieder in die bayerische Landeshauptstadt. Dorthin also, wo alles begann.

Von Michael Kohl

Von Michael Kohl

Michael Kohl

Studium der Kunst- und Kulturgeschichte (2014-2017) und Theater-, Film- und Fernsehkritik (seit 2017). Schwerpunkte: Bildende Künste und Film. Als Kunststudent, Cineast, Theatergänger und als nebenberuflicher Statist an der Bayerischen Staatsoper kenne ich beide Seiten des Münchener Kulturlebens: das Arbeiten für die und das Erleben von Kunst.

Fassbinder. Theater. München. Wenn man diese drei Wörter in einem Atemzug nennt, denkt man unweigerlich an die experimentellen Anfänge des Regisseurs, Autors und Schauspielers, den man heute hauptsächlich mit dem Neuen Deutschen Film in Verbindung bringt. In der bayerischen Landeshauptstadt durchlebte Rainer Werner Fassbinder seine radikal junge Phase. Insofern ist es nur folgerichtig, dass das Deutsche Theater Berlin mit dem posthum beim Münchner Theaterfestival 1985 uraufgeführten Stück „Tropfen auf heiße Steine“ jetzt zu radikal jung anreist.

Zu Beginn war Fassbinders Beziehung zu München noch eine andere. Von 1964 bis 1966 nahm er privaten Schauspielunterricht und trat als Statist in den Kammerspielen auf. Nebenbei schrieb der 21-Jährige die Stücke „Tropfen auf heiße Steine“ und „Nur eine Scheibe Brot“. Sein Ziel war es, das Abitur nachzumachen, Theaterwissenschaft oder an einer Filmhochschule zu studieren. Sein Werdegang verlief bekanntlich anders, riskanter und vor allem radikaler. Er traf auf das unabhängige action-theater – mit 50 Plätzen und einer 18 Quadratmeter großen Bühne! Erst war er nur Zuschauer, dann selbst Darsteller und Regisseur. Nach der Zwangsschließung und nach internen Konflikten gründete der engste Kreis um Fassbinder das anti-teater. Der Name war schon das perfekte Marketing. Klein, zusätzlich falsch geschrieben und gegen die bürgerlich etablierte Form der Kunstgattung gerichtet, traf die Gruppe den oppositionellen Zeitgeist der späten 1960er. Es entstanden Stücke wie „Der amerikanische Soldadt“, „Preparadise now“ und „Anarchie in Bayern“.

Wie beschreibt man Fassbinders Regiestil am besten? Seine langjährige Weggefährtin, die Schauspielerin Hanna Schygulla, meint: „Seine Art, Regie zu führen, war ohne Diskussion und Erklärungen. Er hat es mit Charisma gemacht. […] Er hatte so etwas wie einen unsichtbaren magischen Stab, und das, was er berührte, wurde seins. Auch die Menschen, die er berührte, wurden die Seinen.“ Er muss eine Balance zwischen Distanz und Nähe, zwischen Zurückhaltung und Kontrolle beherrscht haben, um die Schauspieler zu öffnen und gleichzeitig in seine Vision einzuordnen.

Nach und nach drehte Fassbinder mit der Theatergruppe immer mehr Filme, gründete eine Produktionsfirma, arbeitete fürs Fernsehen und fürs Kino. Aber dem Theater hat er nie komplett den Rücken gekehrt. Kurz vor seinem Tod war noch eine Inszenierung von Tennessee Williams‘ „Endstation Sehnsucht“ in Planung. Wir alle hätten von dem wilden Drama der Moderne zu gern eine genauso wilde Interpretation von einem Fassbinder gesehen. Aber wenn das Münchner Residenztheater „Die bitteren Tränen der Petra von Kant“ in der Inszenierung von Hausherr Martin Kušej seit der Premiere 2012 immer wieder vor ausverkauftem Publikum spielt, kann man kaum noch von einem Bürgerschreck sprechen. Das enfant terrible ist heute in der Münchner Theatermitte angekommen. Wer weiß, vielleicht gibt es unter den diesjährigen Teilnehmern von radikal jung die nächste Wilde oder den nächsten Bürgerschreck zu entdecken…