Schattengestalt

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Für seine Inszenierung von Arthur Millers „Tod eines Handlungsreisenden“ am Deutschen Theater Berlin ist Bastian Kraft mit dem Friedrich-Luft-Preis ausgezeichnet worden.

Von Carolin Werthmann

Von Carolin Werthmann

Carolin Werthmann

Mit der Haarbürste als Mikro sang und tanzte ich mit acht vor dem Spiegel zu Disney’s Tarzan oder Pocahontas. Heute sehe und höre ich lieber anderen dabei zu, wie sie singen, tanzen oder Geschichten erzählen – und schreibe darüber. Ob diese Geschichten nun auf Bühnen, hinter Buchdeckeln oder auf der Leinwand warten: in allen Fällen machen sie etwas mit mir, berühren mich immer, belustigen mich oft, ärgern mich manchmal. Diese Gefühle möchte ich vermitteln, möchte zu einem Diskurs beitragen. Ein Diskurs initiiert von Kultur.

Die Bühne ist ein einzig hohler Raum aus grauen Wänden, beherbergt nicht mehr als einen Holztisch und zwei Stühle. Ein vermeintlich unspektakuläres Bühnenbild. Die auf den ersten Blick asketische Inszenierung von „Tod eines Handlungsreisenden“ am Deutschen Theater verlautet still die Ernennung der Schauspieler zum Mittelpunkt. So überschaubar die Bühne wirkt, so prominent ist das Schauspiel. Ganz dominant: Ulrich Matthes als suspendierter Handlungsreisender Willy Loman. Der Regisseur Bastian Kraft gibt ihm Raum, lässt ihn diesen durch eine sensible Darstellung des gescheiterten amerikanischen Mannes gänzlich ausfüllen. Und Matthes wird noch größer in jenem Moment, als die Lichtregie seinen Körper als schattenhaften Riesen an die grauen Wände projiziert und eine Parallelfigur zum Leben erweckt, die im Laufe des Stücks beinahe völlige Eigenständigkeit gewinnt. Aus Willy Loman, der aus einer Tür im Hintergrund Schritt für Schritt weiter an die Bühnenrampe vortritt, entwächst ein sich immer stärker aufbäumender Schatten. Der leere Raum schafft Platz für den Traum, und der Traum zerplatzt am Größenwahn Willy Lomans. Sein verzweifeltes Streben nach Glück, Erfolg und Ansehen, sein Wunsch, größer zu sein als er ist, wird den Zuschauern an den grauen kalten Wänden vor Augen geführt. Und nicht nur Willy Loman ist es, der ein Schattendasein pflegt. Auch seine Söhne Biff und Happy, zerrüttete Existenzen wie der Vater und durch den Vater, gespielt von Benjamin Lillie und Cammil Jammal, Olivia Grigolli als seine Frau Linda … Sie alle hegen ein Schattendasein.

Für dieses kluge Regiekonzept wurde Bastian Kraft am 14. Mai 2018 der Friedrich-Luft-Preis überreicht, ein von der „Berliner Morgenpost“ seit 1992 vergebener Theaterpreis. Angenehm konkret sind die Dialoge, anregend subtil ist die Inszenierung. „Tod eines Handlungsreisenden“ von Arthur Miller gewinnt durch Kraft eine gegenwärtige Brisanz. Der Zeitgeist, der das Stück in seinem Entstehungsjahr 1949 umgab, ist auch im Jahr 2018 zu spüren. Wenn Happy und Biff Loman hitzig darüber diskutieren, worin eigentlich der Sinn ihres Daseins bestünde, warum sie Dinge tun, die sie eigentlich nicht tun wollen, weil verlangt wird, dass sie es tun. Perfekter Business-Karriere-Plan für den Lifestyle in der Metropole statt Farm und Vieh auf dem Land. Was davon macht glücklich?

Für Willy Loman ist Glück gekoppelt an soziales Ansehen. Das verschafft er sich mit einem in seinen Augen höchst anerkanntem Beruf. Der bringt Geld, Geld Macht und Möglichkeiten. Man brauche also nur tüchtig zu arbeiten, um seines eigenen Glückes Schmied zu sein. Es ist die Idee des amerikanischen Traums. Für Willy Loman endet sein obsessives Streben jedoch tödlich. In Krafts Inszenierung steht sein Tod am Beginn. Schwarz gekleidet versammeln sich Willys Hinterbliebene um das kahle Möbilar, versuchen zu verstehen, was ihn in den Selbstmord getrieben hat. Ein Vorausblick auf den Rückblick.

Bastian Kraft gelingt mit psychologischer Genauigkeit eine feinfühlige Schauspielführung, mit wenigen, aber konsequent durchdachten visuellen Mitteln ein Theaterabend, der mit purer Ernsthaftigkeit ein ernüchterndes wie mitleidendes Gefühl für diese eigentlich fiktiven, aber doch so greifbar-realistischen Figuren heraufbeschwört.