Es hagelt Wörter

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Olivier Py, Intendant des Festival d’Avignon, inszeniert seinen eigenen Text „Pur Présent“ – ein Gedankenspiel über Moral und Ethik, Macht und Gewalt.

Von Stefan Fischer

Von Stefan FischerVon Stefan Fischer

Stefan Fischer

Hat meistens Kopfhörer im Ohr, weil er ständig Hörspiele hört. Es sei denn, er sitzt im Kino oder Theater. Oder unterrichtet im Studiengang Theater-, Film- und Fernsehkritk. Ist dort auch für die meisten Publikationen verantwortlich. Außerdem Autor und Mitarbeiter der Süddeutschen Zeitung. Verhinderter Weinhändler.

Ein starkes Bild aus einer anderen Aufführung des Festivals von Avignon drängt sich auf: Der Regisseur Thomas Jolly hat in seiner Inszenierung von Senecas „Thyeste“ schwarze Papierschnipsel aus Fenstern heraus in den Ehrenhof des Papstpalastes schütteln lassen. Dort wurden sie vom Wind erfasst und brausten als ein riesiger Schwarm Fliegen über die Köpfe der Zuschauer hinweg.

Bei Olivier Py nehmen die Worte die Rolle des Ungeziefers ein. Mit seiner Eigenkreation „Pur Présent“ hat er einen neuen Spielort des Festivals eingeweiht, „La Scierie“. Die Halle war früher ein Sägewerk. Passend: Die Aufführung ist so enervierend wie vormals das Kreischen der Sägeblätter. Py, Intendant des Festivals, sieht sich als Philosoph und schreibt sich die Welterklärungstexte, die er aufführt, stets selbst. „Pur Présent“ ist ein Triptychon über Machtverhältnisse, über Moral, Ethik und Gewalt. Drei jeweils knapp einstündige Szenen, die geschwätziger nicht sein könnten. Die Zuschauer sitzen verteilt an drei Seiten der Bühne. Die drei Schauspieler Dali Benssalah, Nâzim Boudjenah und Joseph Fourez haben den Auftrag, die Wortsalven in alle Richtungen zu feuern. Sie behaupten eine Erhabenheit des Textes, tragen ihn mit strengem Ernst vor. Es gibt keinen Witz, keine Brechungen, keine Provokationen. Nichts, woran man sich reiben könnte. Py hat zum Monologisieren tendierende Dialoge geschrieben, in denen er Phrasen aufbläst und eine gedankliche Tiefe vortäuscht, die nicht vorhanden ist. Als würde er seinem eigenen Text selbst nicht vertrauen, hat Olivier Py ihn so inszeniert, dass der sicherlich unfreiwillige Eindruck entsteht: Nicht die klügeren Argumente überzeugen, sondern Recht hat vor allem derjenige, der am lautesten und am meisten redet.

In der ersten Szene geht es um die Freiheiten des Einzelnen und bestimmter gesellschaftlicher Schichten, in der zweiten um den Zynismus des Finanzkapitalismus. Die dritte behauptet die Überlegenheit der Poesie, auch und vor allem gegenüber der Politik. Hier gesellt sich zur Aufdringlichkeit des Textes noch die Eitelkeit des Autors, der sich als Wunderheiler stilisiert.

Intellektuell ist das dürftig, immer wieder schimmert eine geradezu pubertäre Naivität durch die Sentenzen. Die Redundanz des Textes ist hoch, und aufgeführt wird er von Schauspielern, die sich zu Sprechautoamten degradieren lassen. Einzig Nâzim Boudjenah kann sich immer wieder davon freimachen und zeigen, dass Theater mehr ist als bloßer Text, nämlich auch nonverbale Aktion und Kommunikation. Py kann jedoch in keinem Moment verständlich machen, warum „Pur Présent“ auf die Bühne eines Theaters gehört. Die Engländer haben für solch eine Verkündigung eines Pamphlets Speaker’s Corner im Londoner Hyde Park.

Neben der Bühne sitzt Guilhem Fabre am Klavier und spielt mal etwas von Liszt, mal etwas von Prokofiev, mal etwas von Rachmaninow, mal etwas von Ravel, mal etwas von Wagner. Klingt alles gleich, Fabre agiert wie ein Barpianist, maximal unaufdringlich. Kurz vor Schluss zündet Dali Benssalah ein Streichholz ums andere an, doch sie verglimmen, ehe er etwas damit in Brand stecken kann. Es ist das einzige stärkere Bild dieser Aufführung, für eine Revolution, die nicht losbricht. Es steht aber auch für diese Inszenierung: Sie fängt nicht Feuer, lodert nicht. Sondern jeder Versuch, sie zu zünden, schlägt fehl.