Ach, Alexandriner!

Verliebt in die Sprache: Chloé Dabert inszeniert beim Festival d’Avignon Jean Racines „Iphigénie“ im Cloître des Carmes.

Von Carolin Werthmann

Von Carolin Werthmann

Carolin Werthmann

Mit der Haarbürste als Mikro sang und tanzte ich mit acht vor dem Spiegel zu Disney’s Tarzan oder Pocahontas. Heute sehe und höre ich lieber anderen dabei zu, wie sie singen, tanzen oder Geschichten erzählen – und schreibe darüber. Ob diese Geschichten nun auf Bühnen, hinter Buchdeckeln oder auf der Leinwand warten: in allen Fällen machen sie etwas mit mir, berühren mich immer, belustigen mich oft, ärgern mich manchmal. Diese Gefühle möchte ich vermitteln, möchte zu einem Diskurs beitragen. Ein Diskurs initiiert von Kultur.

Chloé Dabert wollte den Alexandriner-Vers wiederbeleben. Wollte Rhythmus, Klang und Melodie von Sprache in einem Kreuzgang inmitten Avignons aufblühen lassen. Heroisches sollte ihre passende Grundlage dafür sein, und sie griff zu Jean Racines „Iphigénie à Aulis“, eine Dichtung nach Euripides. Der Vater soll die eigene Tochter opfern, um nach Troja in den Krieg ziehen zu können. Es ist der Wind, der ihnen in den Segeln fehlt, sie hindert, in See zu stechen, angezettelt von der Göttin Artemis. Stärker aber als der Wind, der im Cloître des Carmes durch die Sitze pfeift, könnte er nicht sein. Ein Paradox, das stellvertretend für die ganze Aufführung ist. Der Wind als unheilvolles Omen, der die Verse der Schauspieler über die Zuschauertribüne bläst und verkündet, dass hier nichts passiert, wie man es sich wünscht. Racines Iphigénie ist eine Geschichte voller miteinander unvereinbarer Konflikte, treibt die Figuren nahe einer Misère und hätte großes Potential, zeitgemäß inszeniert zu werden.

Doch der Alexandriner wuchs Chloé Dabert über den Kopf. Der melodische Sing-Sang des Französischen dominiert, lädt zwar ein, unter dem immer dunkler werdenden Himmel Avignons im Reim zu schwelgen. Doch lässt er nicht die cholerischen Figuren ausblenden, in die Dabert ihre Schauspieler steckt wie in ein Korsett, ihnen den immer gleichen Wehklang am staubigen Boden vor einem dilettantischen Metallgerüst abverlangt. Hinauf und hinab zieht es die Schauspieler auf diesem Gerüst. Warum sie das tun? Weiß niemand. Einem Wachturm soll er gleichen. Schäbig und baufällig, kein Palast für das gestrandete Königsheer unter Führung Agamemnons.


Der Turm ragt knapp über die Mauern des Klosters hinweg, auch hier lugt gelegentlich ein Kopf hervor, Tiraden in schönstem Französisch hinunterrufend. Außer dem Turm ist da nur noch ein flaumiger Vorhang. Am Ende fällt er, gibt den Blick frei auf eine Gruft, die nur noch mehr Camouflage entblößt. Und sonst so? Ein paar Halme Schilf. Zuerst streifen Agamemnon und Arcas hindurch, später folgen eine dauernörgelnden Euriphile, Iphigénie, die mehr Rockgöre als Opfer ist, und Möchtegern-Archill in lässigem Chino-Outfit und fein zum Pferdeschwanz gebundenem blonden Haar. Genau wie Odysseus scheitert er daran, Agamemnon davon zu überzeugen, seine Tochter zu verschonen. Und am Ende kommt doch alles ganz anders.
„Hier helfen nicht Worte, sondern Aktionen.“ Ein Satz, der früh fällt und vom Zuschauer statt von einem der Schauspieler stammen könnte. Die Wortsalven der Darsteller, auf jede Silbe des Reimes bedacht, ermüden. Man wünscht sich eine inszenatorische Idee, doch sucht man sie vergeblich. En bref: Über zwei Stunden ziehen sich die Dialoge, ohne dass die Schauspieler mehr tun als mit den Armen zu fuchteln und sich anzuflehen und anzuschreien. Der Anspruch, einen kunstvollen Duktus in die Moderne zu versetzen, scheitert daran, dass Dabert sich nicht entscheiden kann, ob sie modern inszenieren möchte oder dem antiken Kontext treu bleibt. Die Verse bleiben original und altertümlich, das Setting, die Kostüme und die Schauspieler jedoch erscheinen zeitgemäß. Aber eben nur halbherzig. Mit ihrer Iphigénie reiht sich Dabert umso mehr in ein etwas verstaubtes französisches Theater ein, das sich nicht nur hier, sondern in einigen weiteren Aufführungen des restlichen Festival-Programms wiederfindet.

 

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