So! Und nicht anders!

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Beim Festival d’Aix-en-Provence bringt Simon McBurney den Zauber zurück in Mozarts „Zauberflöte“.

Von Anna Landefeld-Haamann

Von Anna Landefeld-Haamann

Anna Landefeld-Haamann

War ein komisches Kind mit Vorliebe für Beethoven, Kafka und Neo Rauch. Sie fühlt sich nicht mehr ganz so komisch, seit sie im Ergänzungsstudiengang Kulturkritik auf Gleichgesinnte gestoßen ist. Schreibt neben der Cult unter anderem auch für die Süddeutsche Zeitung.

Donner, Sturm,  Blitz. Sausen, Brausen,  Prasseln. Berge teilen sich, Wasserfälle speien Feuer. Vielfältig sind die Regieanweisungen in Wolfgang Amadeus Mozarts „Zauberflöte“: Das Theater verwandelt sich, heißt es immer wieder im Libretto. Der Theaterregisseur Simon McBurney nimmt das ganz wörtlich. In seiner Inszenierung für das Festival d’Aix-en-Provence entfaltet der Brite seine schier grenzenlose Fantasie, die einen wundern und staunen lässt. Es ist, als habe er jede einzelne Szene unzählige Male seziert, ihre Bedeutung destilliert und weitergedacht.  Nichts ist in McBurneys „Zauberflöte“ so, wie man es erwartet. Und dennoch kommt man nicht umhin festzustellen: So ist sie richtig, die Wiener Kasperl- und Zauberoper, so muss sie sein. Man staunt im Jahr 2018 und ist genauso überwältigt wie wohl auch das Publikum von der Bühnenmaschinerie bei der Uraufführung 227 Jahre zuvor. McBurney zeigt sein ganzes poetisches Können, dass er ein Theaterzauberer ist, der versteht, seine Effekte präzise und sparsam einzusetzen.

So besteht das gesamte Bühnenbild von Michael Levine aus einer einzigen Plattform,  die an allen vier Ecken an Drahtseilen aufgehängt ist: mal ein Bergplateau, mal eine Rutsche, mal eine Wand, mal ein Gefängnis oder Konferenztisch.  Alles Weitere wird projiziert. Manches Mal sogar live, wenn links auf der Bühne Robin Beer im Rhythmus der Musik mit Tafelkreide Wasserstrudel, Gebirge, ganze Universen entstehen lässt.  Rechts der Bühne die Geräuschemacherin Ruth Sullivan, die auf Donnerblechen der Königin der Nacht Melodramatik verleiht oder dem Vogelfänger Papageno Komik mit Schluck- und Stolpergeräuschen. Alle theatralen Karten legt McBurney offen. Denn Zauberei ja, aber keine faule. Keine Täuschung über ihre Entstehung. Am Ende bleibt es doch nur Kunst. Sie wird von Menschenhand gemacht und der Zuschauer ist dabei, wenn opulenter Minimalismus in Perfektion geschieht.

Auch McBurneys Figuren sind das Produkt einer starken Logik folgenden Abstraktion. Ist es denn eigentlich nicht offensichtlich, dass die Königin der Nacht eine Alte sein muss, die sich auf Krücken stützt? Später sogar eine Frau im Rollstuhl, deren Macht schwindet und brüchig ist wie ihr Körper. Endlich hat ein Regisseur die Figur aus ihrer schinkelschen Sternenhalle befreit. Nur ein nicht unwesentliches, vielleicht aber durchaus beabsichtigtes Manko hat die gebückte oder sitzende Haltung Kathryn Leweks: Zwar trifft sie alle Koloraturen, aber der Mutter Schwur ist am Ende nur noch ein letztes Beben, bevor ihr die Puste ausgeht und die Stimme bricht. Dafür sind ihre drei Damen keine zarten Püppchen, sondern ihre taffen Kriegerinnen in Flecktarn. Die drei Knaben sind drei Lemuren, schlotternde Halbnaturen, so wie es zu ihrer Weisheit und ihrem immer wieder unvermittelten und unheimlichen Erscheinen passt. Und auch der political correctness wird Tribut gezollt. Den Schärgen Monastaso, der zu seiner schwarzen Seele im Libretto auch eine schwarze Haut hat, korrigiert McBurney mit Bengt-Ola Morgny. Der singt die zu Überhastung und Vernuschelung verführenden Arie „Alles fühlt der Lieben Freude“ mit erstaunlicher Klarheit und Atemführung.

Ein fürstliches Paar geben Stanislas de Barbeyrac und Mari Eriksmoen als Prinz Tamino und Prinzessin Pamina ab. Leicht und voller Wärme ist ihrer beider Timbre. Gerade Erikson beweist zusammen mit Thomas Oiesman als Papageno in ihrem gemeinsamen Duett „Bei Männern, welche Liebe fühlen“, wie sehr die „Zauberflöte“ bei allem Klamauk das Herz rühren kann. Das tut normalerweise auch Sarastros Credo „In diesen heiligen Hallen“,  wäre da nicht der in den tiefen Registern schwächelnde und vom Orchester übertönte Dimitry Ivashenko.

McBurneys Produktion wurde in dieser Besetzung 2014 in Aix aufgeführt und jetzt wieder aufgenommen. Neu jedoch ist die Zusammenarbeit mit Raphaël Pichon und seinem Ensemble Pygmalion. Pichon dirigiert federleicht, mit großen Bewegungen. Das, was er damit aber erzeugt, ist äußerst genau. Messerscharf sind die Nachschläge in der Rache-Arie der Königin. Messerscharf wie die Klinge, die sie ihrer Tochter Pamina übergibt, damit sie Sarastro töten soll. Tempo nimmt er heraus, als Papageno und sein Herzenstäubchen Papagena übereinander herfallen – drei Minuten von der ersten Berührung bis zur Kopulation. Das verträgt dann durchaus musikalische Gemächlichkeit, ohne den beiden ihren Überschwang zu nehmen. Und so gelingt es dem 34-jährigen Dirigenten ebenso wie McBurney, ein Gefühl der Unabdingbarkeit zu erzeugen – so und nicht anders muss Mozart klingen – zu dem ganz gewiss auch die historischen Instrumente des Ensembles beitragen.

Als bekennender Opern-Skeptiker hat Simon McBurney doch ganz schön viel übrig für die Musik und was für ein Gespür für das Libretto ganz im Sinne von Wolfgang Amadeus Mozart und Emanuel Schikaneda. Die beiden hatten gewiss kein überkandideltes Diskurstheater im Sinn, sondern ein originelles Spektakel voller Fantasmen.