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Jugend für Europa: Roland Auzel inszeniert beim Festival d’Avignon mit „Nous, l’Europe, banquet des peuples“ im Cour du Lycée Saint-Joseph ein leidenschaftliches und mitreißendes Plädoyer für einen geeinten Kontinent.

Von Stefan Fischer

Von Stefan FischerVon Stefan Fischer

Stefan Fischer

Hat meistens Kopfhörer im Ohr, weil er ständig Hörspiele hört. Es sei denn, er sitzt im Kino oder Theater. Oder unterrichtet im Studiengang Theater-, Film- und Fernsehkritk. Ist dort auch für die meisten Publikationen verantwortlich. Außerdem Autor und Mitarbeiter der Süddeutschen Zeitung. Verhinderter Weinhändler.

„Est-ce que vous avez peur?“, fragt der Schauspieler Emmanuel Schwartz. Ja, wahrscheinlich haben etliche Menschen Angst, unter denen im Publikum ebenso wie unter denen auf der Open-Air-Bühne des Cour du Lycée Saint-Joseph in Avignon. Vor einem Verlust an Freiheit und Demokratie. Aber ist das nicht das Dümmste, das einem widerfahren kann? Weil es doch gerade die Ängstlichen sind, die Europa zerstören. Indem sie in ihrer Furcht vor Fremden, vor Globalisierung und vor Digitalisierung, vor der Komplexität der Welt den Demagogen glauben und deren einfachen Antworten. Diese Antworten sind falsch, weil sie Abschottung propagieren und ein Gegeneinander.

Roland Auzels Inszenierung von Laurent Gaudés Text ist eine Ermutigung. Es ist Agitprop-Theater – auf eine sehr smarte, kluge, witzige Weise. Ein Dutzend Schauspieler aus beinahe ebenso vielen Ländern, dazu ein Chor, legen sich mächtig ins Zeug, um die Ängste zu vertreiben und das Selbstbewusstsein erstarken zu lassen. Wir sind auch noch da, die Europäer! Und wir lassen uns Europa nicht kaputt machen!! – diese Kernbotschaft des Abends ist laut zu vernehmen, mutmaßlich auch jenseits der Mauern des schmucken Schulhofes, in dem die Aufführung stattfindet. Gerade in der Provence ist der Rassemblement National stark. Und hier ist er nicht die Partei der Verlierer wie im abgehängten Norden Frankreichs, sondern der Saturierten. Der Handwerker, der Kaufleute, der Winzer. Sie sollen hören, dass man sie nicht gewähren lassen wird. Mit „Nous, l’Europe, banquet des peuples“ zeigt das Festival d’Avignon Haltung.

Nun genügt es nicht, sich an der Hand zu fassen und ganz fest an das Gute zu glauben. Doch diese Kirchentags-Einfalt vermeidet die Inszenierung: Am Ende singen zwar alle – die Schauspieler und die Zuschauer – John Lennons kitschige Friedenshymne „Hey Jude“. Jedoch mit einer trotzigen Attitüde. Das Publikum wird nicht eingelullt, sondern aufgewiegelt von der Punk- und Metal-Sängerin und -Gitarristin Karoline Rose und ihrem musikalischen Kompagnon Vincent Kreyder am Schlagzeug. Die beiden erzeugen die gesamte Aufführung über und speziell an deren Ende einen Furor, der diesen Abend nicht bei einem wohlfeilen Bekenntnis zu Europa stehen bleiben lässt.

Auch Gaudés Text ist keine fromme Sonntagsrede. Sondern eine ernst-, mitunter auch schmerzhafte Auseinandersetzung mit der Frage, was Europa eigentlich ist. Europa, so der Autor Laurent Gaudé, ist ein geografisches Gebilde, das sich zu einer Philosophie entwickelt hat. Den Wert dessen macht er deutlich durch den großen Bogen, den er mit seinem Text spannt. Er geht weit zurück, bis ins Jahr 1830, an den Beginn der Industrialisierung im Norden Englands. Sie, das ist Gaudés These, hat den Grundstein gelegt für Europa. Am Beispiel der Dampfmaschine und der Eisenbahn wird deutlich, dass es nicht die Dinge sind, die ihrem Wesen nach gut oder böse sind. Sondern es daran liegt, was die Menschen daraus machen. Es ist nicht der Industrialisierung anzulasten, dass die Kriege durch sie monströser und brutaler geworden sind. Und nicht der Eisenbahn, dass mit ihr Millionen Menschen in Vernichtungslager geschickt worden sind. Diese Vergangenheit sei es, die uns den Weg zeigt, heißt es an einer Stelle.

Auf der Bühne liegen dünne graue Matratzen. Man kann Grabplatten in ihnen sehen, aber auch Wegplatten. Einmal errichten die Schauspieler eine Mauer aus ihnen, kurz darauf federn sie einen Sturz ab. Außerdem steht eine lange weiße Leinwand auf der Bühne. Live-Videos werden auf ihr projiziert, sie wird bemalt und beschrieben: Wir Menschen müssen die Dinge, müssen Europa definieren. Nichts ist von sich aus, wie es ist.

Lange haben sich die Europäer gegenseitig bekriegt. Und haben doch zusammengefunden. Haben ihre Heimatländer verändert – der Counter-Tenor Rodrigo Ferreira besingt die Nelkenrevolution in Portugal, Artemis Stavridi berichtet, wie die Griechen die Militärdiktaturen abgeschüttelt haben – und eine gemeinsame europäische Idee entwickelt.

Europa ist jedoch kein starres Gebilde. Es verändert sich stetig, fremde Menschen kommen, die hier Zuflucht suchen und eine neue Heimat. Wer bist Du? Was willst Du? Vier Mal befragt Olwen Fouéré insistierend Mounir Margoum. Die beiden spielen eine Prozedur durch, wie sie häufig stattfindet: Der Neue muss den Alten die Rechtmäßigkeit beweisen, mit der er sich in Europa aufhält.

„Pour ou contre?“, hatte Emmanuel Schwartz eingangs der Inszenierung gefragt, dafür oder dagegen. Und die Frage gleich selbst beantwortet: dafür! Es gebe schließlich keinen Plan B. Und dann haben sie angefangen zu reden, miteinander, in diversen Sprachen. Immer hat sich einer gefunden, der simultan übersetzt hat. So wird aus vielen Geschichten, die sich über die Jahrzehnte und die Regionen hinweg zugetragen haben, eine gemeinsame Geschichte. Zu der auch der Europapolitiker und ehemalige italienische Ministerpräsident Enrico Letta beiträgt. Er spielt keine Rolle, ist er selbst, gibt gewissermaßen ein Interview. Die Szene fällt formal aus der Inszenierung, gerät etwas hölzern. Sie zeigt jedoch, worauf es dem Regisseur Roland Auzet ankommt: „Nous, l’Europe, banquets des peuples“ soll nicht im Theater bleiben. Die Inszenierung wird erst wirkmächtig, wenn sie Teil der Realität ist, wenn man das Leben auf die Bühne holt und die theatrale Imagination über die Mauern des Cour du Lycée Saint-Joseph schwappt.

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