Einstürzende Altbauten

Pascal Rambert eröffnet im Ehrenhof des Papstpalastes mit der Inszenierung seines Textes „Architecture“ das Festival d’Avignon – die Geschichte einer Selbstzerfleischung.

Von Michael Kohl

Von Michael Kohl

Michael Kohl

Studium der Kunst- und Kulturgeschichte (2014-2017) und Theater-, Film- und Fernsehkritik (seit 2017). Schwerpunkte: Bildende Kunst und Film. Als Kunststudent, Cineast, Theater-, Operngänger und Statist an der Bayerischen Staatsoper kenne ich beide Seiten des Kulturlebens: das Schaffen und Erleben von Kunst.

So eine Familie wünscht man niemandem. Jacques, der Architekt und Patriarch, marschiert herein, gefolgt von Frau, Kindern, Schwiegerkindern. Und mault erstmal alle in einem viertelstündigen Monolog an. Sinnlos seien ihre Berufe. Sie sind Künstler und Geisteswissenschaftler, Komponisten, Philosophen, Schriftsteller, eine ist Malerin und eine Schauspielerin. Nur Arthur arbeitet beim Militär. Er macht Kniebeugen und wird vom Patriarchen dafür als einziger gelobt. Die anderen folgen dem Beispiel des Vaters, zerfleischen sich gegenseitig.

Der Dramatiker Pascal Rambert rückt in seinem neuen Stück „Architecture“, das beim 73. Festival d’Avignon uraufgeführt wurde und anschließend einen Kooperationsmarathon durch viele französische Städte hinlegen wird, eine österreichische Großfamilie zwischen den zwei Weltkriegen in den Mittelpunkt. Diese zersetzt sich, während draußen die Welt sich rasant verändert. Dafür findet der Bühnenbildner Harold Mollet passende Bilder, auch wenn er den spektakulären Innenhof des Papstpalasts nicht nutzt, sondern bloß dekoriert: Aauf dem bleichweißen Bühnenboden sind Biedermeiermöbel in Tisch- und Stuhlgruppen sortiert. Diese funktionieren wahlweise als großbürgerliche Räume oder als Schiffdeck auf einem Luxusdampfer. Nach und nach ersetzen die Kulissenarbeiter die Holz- durch Schwingstühle. Das Alte verschwindet, das Neue kommt, aber der Familie und dem Regisseur ist es egal.

„Architecture“ ist reines Sprechtheater, was nicht über einen langatmigen und platten Text hinwegtäuscht, und was nur zeitweise von einer prominenten Schauspielerriege überdeckt wird. Pascal Rambert, der zuvor mit sämtlichen Schauspieler*innen dieser Inszenierung schon in andere Produktionen gearbeitet hat, versammelt alle nun in einer mittelmäßigen Familiensaga. Besonders Pascal Weber kann in seinen explosiven Tobsuchtanfällen überzeugen, und Audrey Brochet berührt in ihrem Monolog als vernachlässigte Tochter. Sobald sie sich aber hysterisch auf dem Boden hin- und herrollt oder Emmanuelle Béart an der Familientafel über ihren militärischen Ehemann Arthur lamentiert, wird es unfreiwillig komisch. Die Konflikte verfehlen ihre emotionale Wirkung.

Die Figuren im Text tragen die Vornamen der Schauspieler*innen, aber der Grund dafür bleibt ungeklärt. Wie auch die Relevanz des ganzen Stücks ungeklärt bleibt, das zwanghaft aktuell sein will: Aufstieg des Rechtsextremismus und Gelähmtheit des Bürgertums. Es beschleicht einen das Gefühl, dass Pascal Rambert selbst nicht mitbekommen hat, wie sich die Theaterwelt, ihre Formen und die Gesellschaft um ihn herum verändert haben. Nicht nur so eine Familie, sondern auch so einen Abend wünscht man niemanden.

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