Chinesische Geschichte im Schleudergang

Laut, exaltiert, hedonistisch: Meng Jinghui lädt beim Festival d’Avignon in „La Maison de Thé“. In der Opéra Confluence kommen dabei weder die Schauspieler noch die Zuschauer zu Atem.

Von Carolin Werthmann

Von Carolin Werthmann

Carolin Werthmann

Mit der Haarbürste als Mikro sang und tanzte ich mit acht vor dem Spiegel zu Disney’s Tarzan oder Pocahontas. Heute sehe und höre ich lieber anderen dabei zu, wie sie singen, tanzen oder Geschichten erzählen – und schreibe darüber. Ob diese Geschichten nun auf Bühnen, hinter Buchdeckeln oder auf der Leinwand warten: in allen Fällen machen sie etwas mit mir, berühren mich immer, belustigen mich oft, ärgern mich manchmal. Diese Gefühle möchte ich vermitteln, möchte zu einem Diskurs beitragen. Ein Diskurs initiiert von Kultur.

Ein kreisrundes Metallmonstrum wird für die nächsten drei Stunden der Raum sein, der Imperialismus und Kulturrevolution wie in einer Waschmaschine durcheinander spült. Das Gerüst auf der Bühne, dessen metallene Streben eine sterile Kälte ausdünsten, ist in der chinesischen Produktion „La Maison de Thé“ das Fenster zu einem visuellen Rausch aus Korruption, Unterdrückung und Desillusionierung in China – und entfacht trotz aller Überforderung eine Energie, der sich in ihrer gesamtkompositorischen Wucht kaum möglich ist zu entziehen.

In der Produktion des Regisseurs Meng Jinghui, der mit seinen avantgardistischen Inszenierungen von Beckett und Ionesco vor allem auch in Europa geschätzt wird, ist die Bühne ein Teehaus – oder soll es in seiner abstrakten Form des erdrückenden Metallgebildes zumindest sein. Im 1957 erschienenen Stück des chinesischen Dramatikers Lao She ist das Teehaus ein Ort der Zusammenkunft aller sozialen Milieus, und zwar über einen Zeitraum von mehreren Jahrzehnten. Es ist ein Ort, an dem die Armen so arm sind, dass sie ihre minderjährigen Töchter verscherbeln; an dem die Unterdrückten gegen die reichen Handelsleute aus dem Westen wüten; an dem 20 Jahre später die Republik ausgerufen wird, an dem – wieder mehr als 20 Jahre später – Maos Kulturrevolution Wellen schlägt und in Massaker und Racherevolten ausbricht. Es gibt Pistolengefechte, und davon eine Menge, und Plastikpuppen, die mit Kettensägen malträtiert, mit Kunstblut aus der Gießkanne überschüttet werden.

In „La Maison de Thé“ spannt der Autor Lao She in drei Episoden einen Bogen vom Ende der Qing-Dynastie des beginnenden 20. Jahrhunderts bis zur japanischen Expansionspolitik und der Rebellion gegen diese Okkupation während der Weltkriege und darüber hinaus. So komplex der historische Kontext, so komplex die Inszenierung. Meng Jinghui hat sich für die Superlative entschieden, für eine traumwandlerische Zerstückelung lose miteinander zusammenhängender Fragmente. Die Zuschauer finden sich in einem Strom aus Assoziationen wieder, weniger in einer stringenten Erzählung, die Aufführung ist ein Trip durch die chinesische Geschichte im Stroboskopgewitter. Laut, exaltiert, hedonistisch.

Elektro-Musik dröhnt über das unaufhörliche Geschrei der Schauspieler. Sie sprechen nicht, sie brüllen ihren Text, an den Leinwänden links und rechts von der Bühne rasen die französischen Übertitel durch, pausenlos und gnadenlos. Jinghuis Arbeit droht, sich in der eigenen Opulenz zu verlieren, dann, wenn es nahezu unmöglich ist, die künstlerischen Ideen zu entziffern, wenn sie allzu gedrängt aufeinanderfolgen, die Bühne überladen ist mit Licht, Musik, Menschen, Stimmen. Ensemble und Zuschauer kommen nicht zu Atem, die Requisiten aus Stühlen und Tischen werden im Rausch zertrümmert, über den Köpfen baumelt ein erschreckend realistisch aussehender Pferdekadaver, Rotlicht flutet die mal ganz in Einheitsweiß, mal in bunten Traditionsgewändern gekleideten Schauspieler.

Das, was man hier zu sehen bekommt, könnte eine Aufführung von Frank Castorf oder Christoph Schlingensief sein, das Spektakel ist ganz und gar europäisches Regietheater. Und doch war die Premiere im Oktober 2018 auf dem Wuzhen Festival in Zhejiang in China, einem Festival, das Meng Jinghui selbst mit gegründet hat. Die Inszenierung tourte durch mehrere chinesische Städte, landete in Peking, landete in Shanghai und stößt offenbar keineswegs auf die strengen chinesischen Zensurgesetze, denen zu unterstellen wäre, die Bürger vor einer chinakritischen Melange wie dieser zu schützen.

Denn mit Chinakritik reichern Meng Jinghui und sein Dramaturg Sebastian Kaiser die Inszenierung in der Tat an. In einer Szene ordert die vom Westen überrannte Bevölkerung in rasendem Chinesisch Happy-Meal-Massen von Fritten-Clown Ronald McDonald. „Ni Hao, einmal Fishmac, Pommes, Apfelkuchen und McFlurry, bitte. Und zum Dessert hätten wir gerne Freiheit.“ Wenn dann einigen der Chicken-Nuggets-Anwärter die Nuggets vorenthalten werden, weil die künstliche Intelligenz der Überwachungskameras den Drive-In Kunde für zu dick empfinden, dann spricht hier die Macht eines Staates, der mit flächendeckender Überwachungsmaschinerie und Ambitionen für ein Social-Credit-Point-System gegenwärtig ebenjenes Gefühl von Oppression heraufbeschwört, das wohl schon im China des ausgehenden 19. Jahrhunderts herrschte. Meng Jinghui genügt der ausschließliche Vergangenheitsbezug des Stücks von Lao She nicht. Er spinnt die Fäden der politischen und sozialen Querelen bis ins Jetzt, löst die Geschehnisse der Vergangenheit auf in eine Sphäre zeitloser Bedeutsamkeit.

Ein Anker für diese kristalline Vermengung der Zeiten ist der „Patron“ Wang Lifa, Besitzer des Teehauses, der in allen Episoden präsent ist. Er und sein Teehaus, dieses starre Stahlmonstrum, sind ein Zeichen der Stabilität bei aller sich äußerlich verändernder Umstände und Zustände. An ihm und seinem Teehaus, einer Institution der chinesischen Kultur, manifestieren sich Aufstieg und Fall der chinesischen Dynastie, das Republikbestreben und die immer wiederkehrenden Revolten. Und am Ende, wenn das Metallgerüst sich endlich nach drei Stunden in Bewegung setzt, nach konsequentem, unerträglichem Stillstand zu rotieren beginnt, zerschellen Sitten und Moral der Gäste wie das Mobiliar an den Metallstreben des Bühnenbildes. China in einem halben Jahrhundert. Und es geht weiter.

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