Für immer Kind

Die Regisseurin und Bühnenbildnerin Macha Makeieff inszeniert beim Festival d‘Avignon „Lewis versus Alice“ – ein furioses Wunderland im Stile Peter Brooks.

Von Maresa Sedlmeir

Von Maresa Sedlmeir

Von Maresa Sedlmeir

Maresa Sedlmeir

aufgewachsen im Fünfseenland, Studium der Amerikanistik und Theaterwissenschaft an der LMU. Seit dem 9. Lebensjahr im Synchronstudio gefangen, spricht u.a. bei Game of Thrones, Good Girls, Miracle Workers sowie div. Hörspiele und Werbung. Weitergequatscht bei M94.5 als Moderatorin und Redakteurin für Kulturthemen. Seit 2018 Studentin der Theater-Film und Fernsehkritik an der HFF München/August Everding Theaterakademie, wo sie im Juni 2019 das Theaterfestival UWE mitkuratiert und ausrichtet.

„Alice im Wunderland“: Ob bei Tim Burton oder bei Disney, als Märchen, Serie oder Theaterstück – jeder hat das schon einmal irgendwie, irgendwo, irgendwann gesehen.  Die Geschichte selbst ist 155 Jahre alt und wurde, so heißt es, zum ersten Mal auf einer Bootsfahrt erzählt. Charles Lutwidge Dodgson, besser bekannt unter seinem Pseudonym Lewis Carroll, erfindet für die fünfjährige Alice Liddell und ihre beiden Schwestern die Geschichte von Alice, die durch einen Hasenbau ins Wunderland gerät.

Auch die französische Regisseurin und Bühnenbildnerin Macha Makeieff hat sich dem Stoff um Alice angenommen: Allerdings verwebt sie diesen mit der Geschichte des Autors selbst. Auf der Bühne von La Fabrica sieht „Lewis versus Alice“ fantastisch aus: Ein grünliches Licht strahlt auf die Fassade eines zweistöckigen Hauses, das nur aus schwarzen Balken besteht. Rundbögen, wie in Oxford, wo Carroll studierte und später Mathematik unterrichtete.

Ein ausgestopfter Kranich auf der einen, ein Klavier auf der anderen Seite des Gerüsts, außerdem zwei Spiegel, die ihr Gegenüber verzerren. Menschen mit Tierköpfen schleichen über die Bühne. Einmal fliegt ein kleines Schweinchen vorbei. Irgendwie schön, irgendwie verstörend. Wie auch Lewis Geschichte.

Bei Makeieff ist der Autor ein gealterter Brite, gespielt von Geoffrey Carey. Mal auf Französisch, mal in englischen Wortfetzen, unterhält er sich mit seinem jüngeren Ich, seinem Alter Ego: Lewis Carroll. Man erfährt viel über die Geschichte des Bestsellerautors, der nicht nur Mathematikprofessor, sondern auch Fotograf und Geistlicher war, der elf Geschwister hatte und Zeit seines Lebens keine Ehe geführt hat. Die Gerüchte, dass er sich zu kleinen Mädchen hingezogen fühlte, unter anderem zu Alice Liddell, werden im Stück kurz thematisiert, dann wieder fallen gelassen. Kritik gibt es nicht.  Zu schön ist die Welt, die Lewis Caroll erfunden hat. Macha Makeieff konzentriert sich auf das Surreale.

Die Regisseurin Makeieff, Intendantin am Theater von Marseille, hat Caroll und sein Märchen stringent miteinander verwoben, sie springt scheinbar mühelos von Carrolls Studierzimmer zu Alices Begegnung mit dem Kaninchen. Das gelingt ihr unter anderem deswegen, weil sich das Bühnenbild schnell und mit den einfachsten Mitteln verändern lässt: Da wird eine Leiter hingestellt, die danach als Rutschbahn fungiert. Ein paar Stühle verschoben, die verzerrenden Spiegel zu Leinwänden umfunktioniert. Makeieff hat lange mit Peter Brook zusammengearbeitet, seinen „leeren Raum“ erkennt man deutlich in ihrem Bühnenbild.

Auch die Schauspieler*innen, ein europäisches Ensemble, das mal Englisch, mal Französisch und ganz kurz sogar Deutsch spricht, setzt Mascha Makeieff gekonnt in Szene und lässt alle Figuren aus „Alice im Wunderland“ aufleben: Humptydumpty! Tweedledee und Tweedledumm! Die Grinsekatze! Wie in der Geisterbahn klingen ihre Stimmen, verzerrt und schrill. Die Episoden sind kurz. In manchen Fällen enden sie im Klamauk, der die starken Bilder der Inszenierung abschwächt – dennoch gelingt Makeieffs eine ganz eigene, audiovisuelle Komposition des Wunderlands.

Das liegt vor allem an der musikalischen Untermalung von „Lewis versus Carroll“. Die  Sängerin Caroline Espargilière und der Musiker Clement Griffault singen und spielen den Herzkönig und die Herzkönigin. Sie: rotes Bademantelkleid, die Haare auf der einen Seite blond und auf der anderen schwarz, wie ein menschlicher Marmorkuchen. Er: in bunten 1970er-Jahre-Outfit und wallenden schwarzen Haaren, wie ein schillernder Ozzy Osbourne  Das königliche Paar gibt dem Stück mit ihrem Gothikpop eine weitere surreale, magische Komponente. Espargilière singt wie eine Mischung aus Lana Del Rey und Regina Spektor, hoch, zart und schrammend zugleich – „Soon comes to soon“ haucht sie am Ende in ihr Mikrofon; berührende Traurigkeit in ihrer Stimme.

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