Tanzend ins Verderben

„Outwitting The Devil“: Der Choreograf Akram Khan zeigt beim Festival d’Avignon im Cour d’Honneur des Papstpalastes ein verstörendes, faszinierendes Fanal auf die uralte Zerstörungswut des Menschen.

Von Tobias Obermeier

Von Tobias Obermeier

Von Tobias Obermeier

Unheil und Düsternis breiten sich aus auf der Open-Air-Bühne im Ehrenhof des Palais des Papes in Avignon. Dunkelgraue, zerbrochene Steinblöcke, vom Kiesel bis zum Sarkophag, stehen wohl geordnet um die tiefschwarze Tanzfläche in der Mitte. Dort umkreisen sich die Tänzer*innen, bewegen sich im gleichen Muster, nähern sich vorsichtig, stoßen sich rasch voneinander ab, pirschen sich an und ergreifen sich wieder. Ein teuflischer Überlebenstanz zwischen Mensch, Tier, Natur. Sanft-wuchtige Drone-Sounds begleiten in atmosphärischer Finsternis das Spiel um Leben und Tod. Für Hoffnung und Zuversicht ist an diesem Abend kein Platz.

Der britisch-bengalische Choreograf Akram Khan widmet sich in seiner Produktion „Outwitting The Devil“, die beim Stuttgarter Festival „Colours“ ihre Uraufführung und in Avignon die französische Premiere feierte, einer der ältesten Überlieferungen der Menschheitsgeschichte: dem vor über vier tausend Jahren in Stein gemeißelte Gilgamesch-Epos aus Babylonien. Es erzählt die Geschichte des mächtigen, imposanten Königs von Uruk und seiner Heldentaten. Ausgangspunkt von Khans Aufführung ist ein fehlendes Fragment des Epos, das erst 2011 entdeckt wurde. Der übermütige Halbgott Gilgamesch und sein Gefährte Enkidu zerstören den heiligen Zedernwald und erschlagen dessen Hüter.

„Outwitting The Devil“ ist ein kluges Gleichnis für den heutigen Menschen, der sich gleichgültig gegenüber den Konsequenzen seines Handelns die eigenen Lebensgrundlagen nach und nach entzieht. Klimawandel, Artensterben, die zerstörerische Ausbeutung der Natur – die Zukunft des Menschen ist ein zutiefst dunkler und hoffnungsloser Ort. Ein apokalyptisches Fanal, das sich auch auf der Bühne zeigt. Khan lässt sechs Tänzer*innen inmitten der grauen Steinformation umherirren, der Schrecken und das Trauma, Folge der vernichteten Natur, liegen in jeder Bewegung. Mal tanzen sie angstvoll und gequält in hastigen Bewegungen, mal frieren die Bewegungen ein und die Tänzer*innen verharren regungslos angesichts des Grauens.

Den sinistren Sog, den die Aufführung von der ersten Sekunde an entwickelt, verdankt sie auch der überwältigend immersiven Ambient-Musik von Vincenzo Lamagna. Zart unterstreichend und dramatisch steigernd bis zur bombastischen Entladung begleiten seine repetitiven und dröhnenden Soundcollagen, in die er auch Wagners Tristan-Akkord verarbeitet, den Verzweiflungstanz um den Verlust der Natur.

Khan inszeniert die Figur des Gilgamesch in einer doppelten Präsenz. Der gealterte Gilgamesch, erschüttert und gepeinigt von seinen Taten, steht seinem jungen Ich gegenüber, das in seiner alles überragenden körperlichen Dominanz über die Bühne wütet. Selbst die Götter und die Tiere des Waldes können ihn nicht stoppen. Das Ensemble vereinigt dabei verschiedenste Stile – von animalisch-meditativen Bewegungen der Tiere des Waldes bis zum indischen Tanz einer in leuchtend gelbes Gewand gehüllten Göttin. Khan benutzt auch asiatische Bewegungslehren und zieht das Publikum dabei tief hinein in die unaufhaltsame Zerstörung der Natur. Der alte Gilgamesch muss zusehen, wie er in jungen Jahren blind vor Heldendrang den Hüter des Waldes ermordet. Am Ende legt er sich, geläutert von seinen grausamen Taten, zum Sterben auf einen steinernen Opferaltar. 

„Outwitting The Devil“ möchte die Mythen der Vergangenheit vor dem Vergessen bewahren. In ihnen steht bereits geschrieben, welchem Irrsinn der Mensch immer wieder verfällt und wie desaströs die Folgen sind. Khan entlässt das Publikum verstört und berauscht von der finsteren Schönheit. Eine Intention, die er selbst im Interview betont: „Ich will dich zuerst in deinen Magen, in deine Eingeweide treffen. Und dann, nach der Vorstellung, soll es erst langsam nach oben in deinen Verstand wandern.“ Sein Teufelstanz ist nicht nur ein berauschendes Spektakel für die Sinne, sondern ein dringlicher Appell an die Vernunft des Menschen.

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