Antikes Theater im Klassenzimmer

Festival d´Avignon: Daniel Jeannteau inszeniert im Gymnase Aubanel Martin Crimps „Alles Weitere kennen Sie aus dem Kino“ – ein Drama mit immenser Dimension, heruntergebrochen auf den gegenwärtigen Alltag.

Von Nina Mohs

Von Nina Mohs

Von Nina Mohs

Nina Mohs

aufgewachsen in Aaachen und Wiesbaden. Studium der Theaterwissenschaft, Sprache, Literatur und Kultur an der LMU in München (2015-2018) und Theater-, Film- und Fernsehkritik (seit 2018). Einige Jahre auf und hinter der Bühne des Theaters verbracht. In die Bereiche Filmverleih und Postproduktion eingetaucht, aber immer beim Schreiben geblieben. 3 Jahre als Redakteurin bei M94.5 Beiträge getextet, produziert und gesprochen. 2018 dann die Entscheidung für den Kulturjournalismus mit Schwerpunkt Film und Theater. 2019 das erste Mal das Theaterfestival UWE, mitorganisiert.

Read more

Es ist beinahe ironisch, dass Daniel Jeanneteaus Inszenierung von Martin Crimps „Le reste vous le connaissez par le cinéma“ („Alles Weitere kennen Sie aus dem Kino“) beim Festival d´Avignon in einer Schulturnhalle aufgeführt wird. Denn Jeanneteau holt das an Euripides „Die Phönikerinnen“ angelehnte Bühnendrama von Crimp in ein Klassenzimmer. Umgeworfene Schultische und Stühle liegen über der Bühne verteilt. Auf den wenigen stehenden Tischen sitzen acht junge Frauen, in kurzen Röckchen, gestreiften T-Shirts, Jeans und Sneakers. Sie quatschen, flüstern, als wäre gerade eine kurze Pause vor Unterrichtsbeginn. Schulranzen und Tafel fehlen.

Diese acht jungen Frauen sind der antike Chor, der bei Crimp als die „Filles“ in den Mittelpunkt gestellt wird. Er kommentiert, lenkt und analysiert das Drama zwischen Ödipus´ Söhnen Eteokles und Polyneikes, die sich um die Stadt Theben streiten und sich schließlich gegenseitig metzeln. Mit frecher Schuldmädchen-Attitüde flüstern die „Filles“ den zerstrittenen Brüdern und der verzweifelten Mutter Iokaste, gespielt von Dominique Reymond, die sich als Mediatorin versucht, Anweisungen und Sätze ins Ohr und analysieren in Zwischensequenzen die Manipulierbarkeit des Menschen anhand von Elementen aus Film und Kino. Wie beeinflusst die Filmmusik die Emotionen des Zuschauers? Welche Mittel verwendet das Kino noch? Genauer wird das Ganze aber nicht. Die Zwischenspiele des Chores werden immer weniger und nichtssagender, verloren in den ewigen Monologen der antiken Familie.  

Schuldmädchen, Klassenzimmer, Schultheater? Ja! Jeanneteaus Inszenierung wirkt unausgereift, teilweise laienhaft. Er bedient sich der naheliegendsten Mittel, aber denkt sie nicht zu Ende. Wenn die Figuren wütend sind, dann schreien sie. Wenn sie traurig sind, dann weinen sie gekünstelt in der Ecke. Crimps eigentlich intellektueller Text wirkt hier geistesschlicht. Was aber nicht allein am Chor liegt, der zum Großteil aus Laien besteht. Nein, es ist die Inkonsequenz in der Umsetzung. Zwar ist das Bühnenbild in einer Schule angelegt, aber der Rest der Inszenierung findet außerhalb dieses Rahmens statt. Iokaste kommt in schwarzer Abendrobe daher, Eteokles und Polyneikes sehen aus wie ein heruntergekommener Musiker in verdreckter Lederjacke und wie ein Gigolo in rotem Bademantel und rosa Slippern. Die Schwester Antigone mimt die freche Assi-Truckerin, in schwarzer Puma-Jacke, die mit einem Ödipus im Schlabberlook und Adiletten einen Wohnwagen teilt.  Alles wirkt durcheinandergewürfelt, aber nicht durcheinandergewürfelt genug, um zu funktionieren. Es entstehen immer wieder Längen; anfänglicher Wortwitz des Chores, nette Wortspielchen zu beispielsweise Matheaufgaben, verbraucht sich schnell. Das Drama der Familie, das sich gegenseitige Umbringen der Brüder wirkt so heruntergespielt, dass selbst Effekte wie eine Explosion am Bühnenrand oder das ewige Hin- und Herwerfen von Tischen und Stühlen im Streit auch nicht mehr helfen. Schulnote: Ungenügend.

Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden.
Ok