Ein Protest: getanzt, gesungen, gezeichnet

Mit simplen Mitteln und extrem eindrucksvoll rekonstruiert Mathieu Létuvé beim Off-Festival in Avignon in seiner Inszenierung „MLKing 306 – Lorraine Motel“ den letzten Tag im Leben von Martin Luther King.

Von Nina Mohs

Von Nina Mohs

Von Nina Mohs

Nina Mohs

aufgewachsen in Aaachen und Wiesbaden. Studium der Theaterwissenschaft, Sprache, Literatur und Kultur an der LMU in München (2015-2018) und Theater-, Film- und Fernsehkritik (seit 2018). Einige Jahre auf und hinter der Bühne des Theaters verbracht. In die Bereiche Filmverleih und Postproduktion eingetaucht, aber immer beim Schreiben geblieben. 3 Jahre als Redakteurin bei M94.5 Beiträge getextet, produziert und gesprochen. 2018 dann die Entscheidung für den Kulturjournalismus mit Schwerpunkt Film und Theater. 2019 das erste Mal das Theaterfestival UWE, mitorganisiert.

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Zwei schwarze zimmerhohe Stahlgerüste stehen auf der abgedunkelten Bühne. Weiße kleine Punkte schweben über verdunkelte Gaze-Fenster, die eingebettet in den starren Gerüsten liegen. Wie aufgewirbelte Staubkörner fliegen die Punkte langsam von Netz zu Netz. Hinter den Gazen in leichtes Licht getaucht, stehen zwei Gestalten: ein Mann und eine Frau. Die Frau beginnt zu singen. „Southern trees bear strange fruits. Black bodies swinging in the southern breeze“, klingt ihre Stimme durch den Raum, immer lauter werdend. Der tiefe, sanfte Gesang gehört zu der Schauspielerin und Sängerin Clémentine Justine, die sich zu Beginn von „MLKing 306 – Lorraine Motel“, der neuesten Inszenierung von Mathieu Létuvé, hinter den dunklen Scheiben verbirgt. Ein weiterer Mann tritt in einen hellen Lichtkegel zwischen die Gerüste. Der Körper des Mannes beginnt sich zur Musik zu bewegen. Sein Kopf, seine Schultern, seine Beine, alles bewegt sich in unterschiedliche Richtungen, fließend, dem Rhythmus der Musik folgend. Die Konstruktion, die Gerüste, erinnern an die Fenster eines Motels. Ein Motel, das ist auch der Ort, an dem Martin Luther King Jr. am 4. April 1968 um 18:01 Ortszeit von dem weißen Amerikaner James Earl Ray erschossen wird.

Mathieu Létuvé, auch Schauspieler in seiner Inszenierung, die beim Off-Festival in Avignon zu sehen ist, rekonstruiert in „MLKing 306“ den Tag und den Mord an einem der wohl bedeutendsten Stimmen der afroamerikanischen Bürgerrechtsbewegung. Er beleuchtet die Umstände, die Motive des Mörders, die Verschwörungstheorien und das Werk, das Martin Luther King hinterlassen hat: Oder vielleicht noch wichtiger, er holt das Werk in die Gegenwart, in der Bilder von Polizeigewalt gegenüber der Black Community und Rassismus immer noch Realität sind.  

In einem ständigen Wechsel springen die Darsteller*innen Mathieu Létuvé und Clémentine Justine von der Perspektive der Zeugen in die Position der Erzähler*innen und in die des Täters, um seiner Geschichte und seinen sich widersprechenden Aussagen nach dem Mord nachzugehen. Der Blick von Létuvé und Justine ist dabei konstant ins Publikum gerichtet, es wird nicht miteinander gespielt. Aber genau deswegen funktioniert „MLKing 306 – Lorraine Motel“. Die Tathergänge werden offengelegt: Wann hat sich der Mörder dazu entschlossen, nach Memphis zu fahren? In welchem Motel hat er sich aufgehalten? Das Wirken von Martin Luther King wird aufgearbeitet und das Publikum mit der alltäglichen Diskriminierung der afroamerikanischen Bürger konfrontiert.

Getragen wird diese Konfrontation von der beklemmenden und düsteren Atmosphäre der Inszenierung. Tief schwingende, elektronische Klänge, kombiniert mit Billie Holidays „Strange Fruits“ oder dem Gospelsong „We Shall Overcome“, Protestlieder der afroamerikanischen Bürgerrechtsbewegung, füllen den immerzu dunklen Bühnenraum. Aufwendige Videoanimationen und Grafiken, orientiert an Originalfotos der Demonstrationen im Jahr 1968, von dem Gerichtsverfahren gegen James Earl Ray oder vom Originaltatort, dem Lorraine-Motel in Memphis, Tennessee, schweben als Zeichnungen über die wandhohen Stahlgerüste. Das Bühnenbild ist simpel, aber genial. Die Gerüste lassen sich durch das einfache Umstellen oder Verschieben von Motelfassaden in Rot leuchtende, beängstigende Gänge verwandeln. Sie werden zum Verhörraum von James Earl Ray. Zum Talkshow-Setting mit rauschenden Fernsehern, um in seine kriminelle Welt zu blicken. Zum grünlichen Alptraum, um seine gescheiterte Existenz zu erforschen.

Konstant bleibt dabei der gleitende Tanz und die Bewegung von Fréderic Faula. Immer wieder schwingt er über die Bühne. Schafft mit klatschenden Händen und stampfenden Füßen einen eigenen Rhythmus. Begleitet die bedrohlichen Drones, verschafft mit seinen Bewegungen im Strobolicht oder in einem grellen Lichtkegel dem Text, der Geschichte, Emotionen. Und wenn er vor den Fenstern tanzt, auf denen Ausschnitte aus rassistischen Unterhaltungsshows laufen, oder Schilder mit Aufschriften wie „My Skin Color is no crime“ eingeblendet werden, existiert das Bedürfnis nach „We Shall Over Come Some Day“ nicht mehr nur auf der Bühne.

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