Das Treffen, das es niemals gab

Der russische Regisseur Kirill Serebrennikov, der seine Heimat nach wie vor nicht verlassen darf, inszeniert beim Festival d’Avignon mit „Outside“ eine Geschichte über Zensur.

Von Kevin Scheerschmidt

Von Kevin Scheerschmidt

Von Kevin Scheerschmidt

Kevin Scheerschmidt

Studium der Theater-, Film- und Medienwissenschaft B.A. (2013-2018) in Frankfurt am Main und seit 2018 Theater-, Film- und Fernsehkritik in München. Berufung: Film! Motto: Filme müssen wenn möglich auf der großen Leinwand konsumiert werden. Egal ob kleinster Independent oder größter Blockbuster, jeder Film hat das Potential großartig sein zu können. Jeder Film verdient eine Chance.

Der chinesische Fotograf und Poet Ren Hang konnte Zeit seines Lebens nicht frei arbeiten. Seine Kunst wurde zensiert, seine Websites blockiert, er selbst festgenommen. Die chinesische Regierung konnte Hangs experimentelle Arbeiten nicht akzeptieren: zu freizügig seine Fotos, zu anstößig seine Gedichte.

Kirill Serebrennikov hatte das Gefühl, in Ren Hang einen Seelenverwandten, einen Leidensgenossen entdeckt zu haben. Schließlich hatte und hat er in Russland ebenso mit Zensur und Einschränkung zu kämpfen – bis zum Frühjahr stand er unter Hausarrest, nach wie vor hat er keinen Pass und darf nicht reisen. So beschloss der russische Regisseur, Kontakt aufzunehmen, ein gemeinsames Projekt sollte erarbeitet werden. Das Treffen war angesetzt für den 26. Februar 2017. Doch Ren Hang nahm sich zwei Tage zuvor im Alter von 29 Jahren das Leben. Er stürzte sich am 24. Februar 2017 in Peking aus seinem Fenster in den Tod.

Das Treffen fand nie statt, aber Serebrennikov machte sich Gedanken, wie ein solches Treffen ausgesehen hätte. Diese Gedanken hat er nun zu der Inszenierung „Outside“ zusammengefasst. Darin führen er, gespielt von Odin Lund Biron, und Ren Hang, gespielt von Evgeny Sangadzhiev die Gespräche, die es nie gab.

Aber „Outside“ ist auch ein Stück, das zu ergründen versucht, wer dieser chinesische Künstler war. Angelehnt an dessen Kunst, findet man deshalb in den zwei Stunden auf der Bühne viel Nacktheit, Philosophie und Humor; und viele Szenen, die in China und Russland als Skandal gelten würden, in Westeuropa allerdings mittlerweile zum Standardrepertoire eines jeden Theaterfestivals gehören.

So müssen sich die Models, Männer wie Frauen, die bei Ren Hang vorbeischauen, selbstverständlich komplett ausziehen. Und weil das nicht genug ist, muss sich die dreiköpfige Band, die dazu spielt, auch noch ausziehen.

Sind dann alle außer Hang und Serebrennikov nackt auf der Bühne, werden Fotos nachgestellt, die der verstorbene Künstler zu Lebzeiten aufnahm. Die langen Blumen, die jeder bei sich trägt, werden als Schutz vor das Gesicht, vor den Po oder die Vagina gehalten oder simulieren den nach hinten geklemmten Penis. Gesichter werden an Hintern gedrückt, Lederpeitschen zwischen Arschbacken geklemmt, Penisse in Farbe getunkt oder angemalt und schließlich wird ein Telefonhörer angepinkelt. Das Spektakel wird begleitet von Techno über ruhige Klaviermusik bis hin zu klassischer chinesischer Musik.

Die Bühne ist einem ständigen Wechsel unterzogen. Aus dem beengenden Zimmer wird ein großes Fotostudio, daraus der Berliner Nachtclub Berghain, daraus ein Zirkus, daraus irgendwann eine Art Wald mit umgestürzten Bäumen. Fast immer mittendrin die nackten Performer, die tanzen und posen.

„Cool. But I didn’t understand a thing“, sagt Odin Lund Biron als Serebrennikov in einer Anspielung auf das ganze Durcheinander auf der Bühne einmal. „Outside“ ist ein Gedankenstrom des russischen Künstlers und bleibt dabei provokant, nachdenklich, aber auch sehr humorvoll. Zum Beispiel, wenn direkt zu Beginn Serebrennikov vom russischen Geheimdienst durchsucht wird, der eigene Schatten (eine Person im schwarzen Ganzkörperanzug) da lieber die Flucht ergreift, und die Gruppe von Agenten seinen Körper auf Händen tragend hin- und herdreht, um auch den letzten Winkel zu erkunden und ihm das letzte Stück Privatsphäre zu entziehen. All das findet auf einer kleinen Plattform statt, auf der nichts außer einem Fenster angebracht ist. Ein Fenster, das Serebrennikovs einziger Blick nach draußen war während seines Hausarrests. Ein Fenster, aus dem sich Ren Hang in den Tod stürzte.

In all dem Humor steckt so stets der bittere Beigeschmack an Wahrheit. Eine Wahrheit, die besagt: Das Gezeigte auf der Bühne ist eine überspitze Form der aktuellen Situation. Und all das Gezeigte wäre in China und Russland nicht erlaubt. Nicht auf der Bühne, nicht im Alltag.

Die wirklich starken Momente entfaltet die Inszenierung dann, wenn das ganze bunte, geplante Durcheinander auf der Bühne mal zum Stehen kommt. Momente, in denen Hang und Serebrennikov darüber sprechen, wie man nach dem Tod wahrgenommen wird, Gespräche über Depression, den Druck der Familie und das Glücklichsein. Ob Ren Hang das gesagt hätte, was der Schauspieler Evgeny Sangadzhiev mit einer beeindruckenden Teilnahmslosigkeit ausspricht? Schwer zu sagen. Aber die Gespräche geben einen Einblick in Serebrennikovs Gedankenwelt. Der Drang nach Freiheit, die ihm in Russland nicht gewährt wird und die auch Ren Hang in China nie hatte.

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