Ein Rest Hoffnung

Romeo Castellucci setzt Mozarts „Requiem“ beim Festival d’Aix-en-Provence in Szene: als monströses Memento-Mori.

Von Anna Landefeld

Anna Landefeld-Haamann

War ein komisches Kind mit Vorliebe für Beethoven, Kafka und Neo Rauch. Sie fühlt sich nicht mehr ganz so komisch, seit sie im Ergänzungsstudiengang Kulturkritik auf Gleichgesinnte gestoßen ist. Schreibt neben der Cult unter anderem auch für die Süddeutsche Zeitung.

Noch eine letzte Zigarette, noch ein letztes Mal TV. Dann legt sich die alte Frau in ihr Bett, versinkt in den Kissen, immer tiefer, bis sie ganz darin verschwunden ist. Das Schlafzimmer ist nun eine schwarz verhüllte Totenkammer, das Bett ein Sarg. Requiem aeternam“, bittet die Trauergemeinde, der Pygmalion-Chor, mit schwenkenden Trauerfahnen und Palmenzweigen. Das Flehen bekräftigt Raphaël Pichon mit überbordender, extrem langsamer Geste seinem Pygmalion-Orchester, sodass aus dem Flehen eine Forderung wird: Herr, gib ihnen die ewige Ruhe. Nur der Fernseher, der flimmert weiter: Sterben und Leben gehören nun einmal zueinander. Und Romeo Castellucci greift dieses Paradox auf in seiner Interpretation von Wolfang Amadeus Mozarts „Requiem“ beim Festival d’Aix-en-Provence. Doch er widersteht dem Naheliegenden, Mozarts letztes Werk als Trauerspiel zu inszenieren. Die schwarzen Stoffbahnen, die noch eben im Théâtre de l’Archêvché den Boden und die Wände der Bühne verhüllten, werden hinuntergerissen, das Sargbett hinausgetragen. Jetzt ist alles Weiß, jetzt kann alles wieder beginnen. Bei Castellucci ist das eine anderthalbstündige assoziative Memento-Mori-Collage – und das ist radikal, rasendschön, rätselhaft.

Es ist ein Lebensreigen, in dem schwermütige Fröhlichkeit herrscht, wenn Castellucci den Chor ausgerechnet am „Dies irae“, dem Tag des Jüngsten Gerichts, ausgelassen um einen Maibaum hüpfen und dabei – was für eine Leistung! – auch noch singen lässt. Unperfekt ist vielleicht der Tanz des Chores, aber dadurch nur allzu menschlich. Denn was macht das schon? Auch dem Leben und Sterben gehen jede Perfektion ab, sie folgen keiner ausgetüftelten Choreografie, sondern sind banal. Nur Mozarts Musik, die ist wirklich perfekt – zumindest fast: Mozart starb mit 35 Jahren, bevor er sein Requiem vollenden konnte, sein Schüler Franz Xaver Süßmayr tat es. Und Pichon und Castellucci legen diesen Bruch offen. Generalpause mitten im „Lacrimosa“, an der Stelle, wo auch Mozarts Partitur abrupt aufhört. Der Chor einfach umgefallen, mehrere Sekunden Stille. Danach geht es weiter, so wie alles immer weiter geht.

Mozarts Musik wird vollkommen unter dem Dirigat von Raphaël Pichon, der es derzeit wie kein anderer versteht, Mozarts Musik rhythmisch so unglaublich scharf zu konturieren, aus Chor, den vier Solisten und Orchester gleichermaßen präzise dynamische Akzente heraustreibt. Nicht ausschließlich aus dem Requiem selbst. Pichon und Castellucci verweben das Requiem kaum merklich mit weiteren sakralen Werken Mozarts.

Castelluccis szenische Lesart lebt von ihren Widersprüchen. Schönes und Hässliches passieren bei ihm immer zur gleichen Zeit. Im „Sanctus“ preist der Chor voller Überzeugung die Heilig- und Herrlichkeit des Schöpfers und stellt dabei einer nach dem anderen vor Gloriole und schwarzen Autowrack in barocker Pose Unfälle nach. Castellucci assoziiert, er denkt immer monströs. Während vorne getanzt wird, projiziert Castellucci auf die hintere Bühnenwand einen „Atlas der großen Auslöschungen“, eine Aufzählungen von ausgestorbenen Tieren, Pflanzen, von zerstörten Städten, Religionen, Katastrophen wie Tschernobyl oder Bauwerke wie die Berliner Mauer. Am Ende steht da der 18. Juli 2019, der Tag der Aufführung. Es ist ein persönliches Mahnen des Regisseurs darüber, dass die Menschheit es meisterlich versteht sich in den Abgrund zu manövrieren.

Ein Junge kickt einen Schädel wie einen Fußball über die Bühne. Chadi Lazreq heißt er und ist ein junger Sängerknabe, der eine der schönsten Sopran-Passagen aus Mozarts c-Moll-Messe auf dem Vokal a vorträgt und Pichon mit seiner rechten Hand ihn sacht leitet. Bäume werden gepflanzt, Erdhügel aufgeschüttet. Immer wieder taucht die alte Frau aus der ersten Szene in verschiedenen Lebensaltern auf. In Gestalt eines jungen Mädchens wird sie zum „Rex tremendae majeastatis“ im Kunstnebel weihevoll erst mit Kalk bestreut, dann mit roter, blauer und gelber Farbe bemalt, mit Honig und Blut übergossen und mit Federn beworfen – berauschendes Orgien-Mysterien-Theater wie einst beim Wiener Aktionskünstler Hermann Nitsch. So wird sie an die weiße Bühnenwand gehängt, bis sie beim klagend-insistierenden „Salve me“ aus ihrer misslichen Lage befreit wird. Am Ende sieht es aus wie ein apokalyptisches Tier: ein dunkelbraunes Wesen mit goldenem Stab in der Hand, auf dem Kopf zwei Hörner, die sich wie Schnecken kringeln.

Und dazu immer wieder Kreistänze, entworfen von der Choreografin Evelin Facchini, in denen sich die Sänger*innen an den Händen halten, sie emporstrecken, mit den Füßen stampfen, rote Bänder, blaue Tücher umherschwenken. Das alles in folkloristischen Fantasiekostümen. In manch einem mag das Befremden hervorrufen, in Zeiten, in denen Begriffe wie Heimat, Schöpfung, Tradition und Gemeinschaft nicht nur von Konservativen gepflegt, sondern von Rechtsaußen beschlagnahmt und missbraucht werden. Doch all das hat Castellucci nicht im Sinn. Requien halten sich an eine strenge Abfolge, wer trauert, trägt schwarz. Der Tod ist durchritualisiert. Dieses Gedankens bedient sich Castellucci und übersetzt ihn so einfach und naheliegend für seinen Lebensreigen. Ihm geht es weder um Trachten noch Zugehörigkeiten außer der zur Menschheit an sich. Er erzählt von etwas Ur-Menschlichem: der Sehnsucht danach, in seiner letzten Stunde nicht alleine zu sein. Und er tut dies durch etwas Ur-Menschliches: Tanz und Gesang. Castelluccis scheinbares Paradies ist für jede*n zugänglich.

Wie nur gelangt man da hinein? In Mozarts Requiem ist es der große Schöpfer, auf den der Mensch hofft. Bei Castellucci ist es der Mensch selbst, der sich opfern muss, um sich vor sich selbst zu schützen. Im Halbdunkeln schleicht sich der nackte Chor aus dem Paradies hinaus, bevor sich die Bühne so steil neigt und Erde, Kleidung, die nun aussieht wie Totenhemden – alles in den Abgrund rutscht. Dunkelheit. Aber bei Castellucci gibt es noch Hoffnung.

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