Theatererfahrung der dritten Art

Elektronische Brillen bauen Sprachbarrieren ab, fügen jedoch einen neuen Filter ein zwischen dem Publikum und der Bühne. Ein Selbstversuch beim Festival d’Avignon.

Von Tobias Obermeier

Von Tobias Obermeier

Von Tobias Obermeier

Ein genauer Blick in das Auditorium der Operá Confluence in Avignon, und man hätte den Eindruck haben können, Crew-Mitglieder vom Raumschiff Enterprise aus der Fernsehserie „Star Trek“ hätten sich auf die Erde gebeamt, um das Theater im 21. Jahrhundert zu studieren. Vereinzelt waren Zuschauer*innen zu sehen, die eine seltsam große, futuristische Brille trugen. Etwas klobig mit ihrem breiten silbernen Rahmen, lässt die Brille sofort Assoziationen aufkommen mit dem Visior, eine Art Allzweck-Laserbrille, mit der der blinde Charakter Geordi la Forge in „Star Trek“ wieder sehen kann. Ein Kabel führt von der Brille zu einer kleinen, schwarzen Fernbedingung, die die Träger*innen auf dem Schoß liegen haben. Zu der kleinen Schar an Menschen, die diese Brille trugen, gehörten auch vier Redakteure von cult, die auf ein französisches Theaterfestival fuhren, aber so gut wie kein Wort Französisch verstehen. Ein Glück, dass es die Brillen gab.

Bei diesen handelt es sich um sogenannte electronic glasses. Ausgestattet mit einem Android-Betriebssystem, ein kleines Smartphone also, können die Brillen Zusatzinformationen über das liefern, was sich gerade vor einem abspielt. Das Festival d’Avignon hat dieses Jahr die Brillen zum ersten Mal mit englischen Untertiteln angeboten. Eine Wohltat für all jene, die kein Französisch sprechen, sind doch die meisten Aufführungen auf dem Festival auf Französisch und ohne englische Übertitel. Gegen zehn Euro Gebühr und den Personalausweis als Pfand gab es die Brillen vor Ort zu leihen. Nach einer kurzen Einweisung zur Bedienung konnte man die Brillen mitnehmen.

Die Displays selbst befinden sich mittig in beiden Brillengläsern mit einer Größe von ca.1x1cm. Mit dem Touchpad auf der Fernbedingung, in der sich auch der Akku und der Prozessor befinden, lässt sich das Menü bequem steuern. Es können die Größe, die Farbe und die Position der Untertitel je nach Belieben angepasst werden. Zieht man die Brille auf, wirkt man wie ein Fremdkörper im Publikum. So auffällig wie sie ist, markiert sie dich als jemanden, der/die die Sprache all der anderen nicht spricht. An diesem Abend wurde die chinesische Produktion „La Maison de Thé“ von Meng Jinghui aufgeführt. Die wenigsten im Publikum konnten wohl Chinesisch, daher gab es seitlich an den Bühnen, links und rechts, die französischen Übertitel zum Mitlesen. Das änderte auch nichts daran, dass man sich als einer der wenigen mit der Brille auf dem Kopf etwas befremdlich fühlte.

Aber das Gefühl legte sich mit Beginn der Aufführung, als die ersten Untertitel eingeblendet wurden. Die Gläser dunkeln das Sichtfeld ganz leicht ab, so als hätten sie einen Filter, um die Untertitel besser lesen zu können. Im unteren Teil des Screens im Brillenglas leuchten die Untertitel, als würde man vor einem Bildschirm sitzen. Und auf der Bühne spielen die Schauspieler*innen in all ihrer körperlichen Präsenz im gleichen Raum zur gleichen Zeit. Das Spiel auf der Bühne wird zu einer faszinierenden Hybriderfahrung aus analog und digital. Die Brille lässt dich die Zuschauer*innen um dich herum ausblenden. Als technische Apparatur sorgt sie dafür, dass die Unmittelbarkeit der Erfahrung, wie sie sich im Theater ergibt, aufgebrochen wird. Sie legt sich als Vermittlungsmedium zwischen Publikum und Bühne. Ich musste die Brille mehrmals abnehmen, um mich im Raum zu vergegenwärtigen und zu überprüfen, wie es ohne Brille ist zu sehen.

Die Hybriderfahrung wird verstärkt, indem die Untertitel mit den eigenen Kopfbewegungen präzise angepasst werden können. Bei den jeweils sprechenden Personen auf der Bühne können sie dadurch ober- oder unterhalb des Körpers positioniert werden. So ist es möglich, das Schauspiel mitzuverfolgen, ohne den Blick immer wieder seitlich oder nach oben auf die Übertitel richten zu müssen.

Mit zunehmender Länge der Aufführung wurde es jedoch immer schwerer, mit der Brille dem Treiben auf der Bühne aufmerksam zu folgen. Wegen ihrem Gewicht wird das Tragen unangenehm und das Lesen der Untertitel, die kurz vor den Augen angezeigt werden, anstrengend. Waren sie anfangs noch scharf zu lesen, verschwammen sie irgendwann. Das wiederholte Ausrichten der Brille half nichts. Die Augen wollten nicht mehr.

Theater hat im Gegensatz zum Film verstärkt das Problem der Sprachbarriere. Die electronic glasses können in der Hinsicht je nach Verfügbarkeit Untertitel in allen Sprachen anbieten. Die Brillen haben dadurch das Potential, Sprachbarrieren komplett aufzuheben. Es stellt sich aber die Frage, ob die Theaterhäuser und auch die Festivals die Brillen dauerhaft anbieten werden. Nicht viele werden bereit sein, bei jeder Aufführung, bei der sie die gesprochene Sprache nicht verstehen, zusätzlich Geld für die Brille auszugeben. Die Brillen können aber eine hervorragende Ergänzung zu den Übertitelanzeigen sein, die sich mittlerweile in vielen Theatern etabliert haben.

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